Die Schattenseiten der Leihmutterschaft
Reem Alsalems Urteil fällt eindeutig aus: Das Modell der Leihmutterschaft „ist durch Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen und Kinder geprägt“, heißt es in einem Bericht der UN-Sonderberichterstatterin und „setzt Mütter und Kinder ernsthaften Menschenrechtsverletzungen aus.“ Eine Leihmutterschaft sei mit Kinderhandel gleichzusetzen und könne daher nicht legal sein. In ihrem Bericht, der im vergangenen Jahr erschien, spricht sich Alsalem daher für ein weltweites Verbot von Leihmutterschaften aus.
In Deutschland und den meisten Ländern der EU sind Leihmutterschaften zwar nicht erlaubt, aber in vielen anderen Ländern schon. Es gibt einen riesigen globalen Markt, der wächst. Im Jahr 2023 wurden laut UN-Bericht weltweit 14,95 Milliarden US-Dollar (rund 13 Milliarden Euro) für Leihmutterschaften gezahlt. Bis zum Jahr 2033 könnten es bereits knapp 99,75 Milliarden US-Dollar sein (rund 87,3 Milliarden Euro). Die Leihmütter selbst erhalten dabei „nur einen kleinen Bruchteil“ des Geldes, den großen Gewinn machen kommerzielle Anbieter.
Nachfrage wächst beständig
Leihmutterschaften werden immer begehrter – längst nicht mehr nur bei Paaren, die wegen medizinischer Unfruchtbarkeit kinderlos sind. Eine wachsende Nachfrage gibt es laut Bericht auch bei homosexuellen Paaren, alleinstehenden Männern und Paaren, die nur aus Altersgründen keine Kinder mehr haben können. Oder bei Frauen, die Kinder haben können, diese aber nicht selbst austragen wollen. Die Leihmütter sind überwiegend sozial deutlich schlechter gestellt als diejenigen, die sie beauftragen, betont der Bericht. Und sie haben meist keinen Zugang zu rechtlicher Beratung oder Unterstützung. All das führe oft zu ausbeuterischen Verhältnissen.
Lena Henke ist Referentin für sexuelle und reproduktive Rechte bei „Terre des Femmes“. Wie viele andere Frauenrechtsorganisationen weltweit spricht sich Terre des Femmes klar gegen die Legalisierung jeglicher Art von Leihmutterschaft aus. „Einer der wichtigsten Gründe ist für uns die Gefahr der Ausbeutung, die damit einhergeht“, sagt Henke. „Es ist ein Geschäftsmodell und es sind vor allem Frauen in vulnerablen Situationen, die sich aus finanzieller Not dazu entscheiden.“
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Zur vollständigen AnsichtSollte keine Dienstleistung sein
So habe sie noch nie davon gehört, dass eine reiche Frau ein Kind für eine ärmere Familie ausgetragen habe: „Noch dazu machen vor allem die Agenturen und Kinderwunschkliniken große Profite. Die Frauen selbst bekommen am wenigsten ab.“ Der weibliche Körper werde für eine Dienstleistung genutzt, die keine sein sollte, findet Henke: „Schwangerschaft und Geburt sind etwas, das kein Gegenstand von Verträgen sein sollte. Und es kann auch nicht entschädigt werden.“
Die Leihmutterschaft berge wie jede Schwangerschaft gesundheitliche Risiken. Dadurch, dass das Kind aus Spendereizellen stammt und kein genetisches Material mit der Leihmutter teilt, könnten diese sogar erhöht sein. Zudem würden die Rechte der zahlenden Wunscheltern in den Verträgen stets im Vordergrund stehen, während die Leihmütter benachteiligt würden und die Risiken trügen.
Kein Geld bei Abort
Das bestätigt auch der UN-Bericht: Ihm zufolge werden Leihmütter oft zu riskanten Verfahren genötigt, wie dem Einpflanzen zahlreicher Embryos, um die Chancen auf eine ausgetragene Schwangerschaft zu erhöhen. Auch psychologisch sind viele Leihmütter demnach beeinträchtigt, sie leiden öfter unter Depressionen während und nach der Schwangerschaft und viele fühlen sich wegen der Leihmutterschaft schlecht.
Laut Henke besteht auch die Gefahr, dass die Wunscheltern von dem Vertrag zurücktreten, die Leihmutter dann nicht einmal das gesamte Geld erhält. Noch dazu kann sie dann mit einem Kind verbleiben, das aber rechtlich nicht ihr eigenes ist. Umgekehrt hat die Leihmutter in vielen Ländern nicht die Möglichkeit, sich umzuentscheiden und das Kind zu behalten, das sie geboren hat – so wie es zum Beispiel in Deutschland bei einer Freigabe zur Adoption der Fall wäre. Laut UN-Bericht bekommen viele Frauen auch kein Geld und keine Unterstützung, wenn es zu einem Abort kommt.
Fehlende Backgroundchecks der Eltern
Für die Kinder gelte, dass diese bei einer Leihmutterschaft oft keine Möglichkeit haben, ihre biologische Herkunft zurückzuverfolgen, sagt Henke. Auch, weil diese oft mit einer anonymen Eizellspende einhergeht. Das müsse nicht, könne aber später zu einer Identitätskrise führen. Im UN-Bericht wird darauf hingewiesen, dass es problematisch für die psychologische Entwicklung des Kindes sein kann, es sofort nach der Geburt von der gebärenden Mutter zu trennen.
Noch dazu gibt es bei Leihmutterschaften nicht die gleichen Backgroundchecks der Wunscheltern, wie sie bei Adoptionen üblich sind. Wer genug Geld hat, für den ist es nicht sehr aufwendig, an einem anderen Ort auf der Welt eine Leihmutter und eine Eizellspende zu finden. Der UN-Bericht verweist sogar auf Fälle von Sextätern, die versucht haben, durch eine bezahlte Leihmutterschaft an ein Kind zu kommen. Laut UN-Bericht kann das System den Menschenhandel fördern: So wurden in Georgien mindestens 100 Frauen angeworben, denen Geld für eine Leihmutterschaft versprochen wurde. Stattdessen waren sie festgehalten, eingeschüchtert und zu wiederholten Eizellspenden genötigt worden.
Lehnt auch „altruistisches Modell“ ab
Terre de femmes lehnt auch das sogenannte „altruistische Modell“ einer Leihmutterschaft ab, das zum Beispiel in Großbritannien oder Griechenland erlaubt ist. Dabei sollen die Leihmütter vorgeblich „aus Nächstenliebe“ das Kind austragen und nur für die damit verbundenen Mehrkosten entschädigt werden.
„Die Probleme, wie die gesundheitlichen Risiken, bleiben dabei aber bestehen“, sagt Henke. Und weiterhin würde mit dem Modell von Agenturen und Kinderwunschkliniken Geld gemacht. Nur die Leihmutter erhalte weniger – kein wirklicher Vorteil für die Frauen. Die Aufwandsentschädigung sei zudem bewusst großzügig bemessen, und daher wohl trotzdem meist der ausschlaggebende Grund: „Denn ohne finanzielle Anreize würde sich so gut wie keine Frau für eine Leihmutterschaft entscheiden“, sagt Henke.
Coparenting als Alternative
Und auch dieses Modell ist anfällig für Missbrauch. In Griechenland zum Beispiel soll laut Gesetz eigentlich ein Näheverhältnis zwischen Leihmutter und Wunscheltern bestehen. Arme Frauen aus Rumänien wurden jedoch angeworben, um sich dann dort als „beste Freundinnen“ von Kinderwunschpaaren auszugeben und Leihmutter zu werden. Was aber sollen Paare mit extrem dringlichem Kinderwunsch tun, die ihn sich selbst nicht erfüllen können?
Eine gute und auch in Deutschland legale Lösung sei die Übernahme von Pflegekindern oder auch Coparenting-Modelle, sagt Henke. Über Internetplattformen können sich Menschen mit Kinderwunsch zusammenfinden, für die das Normfamilienmodell aus Vater, Mutter und biologischem Kind nicht infrage kommt. Zum Beispiel auch ein homosexuelles Männerpaar und eine Singlefrau.
„Soziale Familie“ gründen
Dann könne man sich entscheiden, eine „soziale Familie“ zu gründen und die Verantwortung für das Kind zu teilen. „Das Coparenting-Modell ist etwas, was wir als Alternative zur Leihmutterschaft empfehlen, es kann auch eine gute Lösung für homosexuelle Paare mit Kinderwunsch sein“, sagt Henke.
Die Situation von Frauen soll sich durch ein Verbot der Leihmutterschaft nicht verschlechtern. Daher schlägt der UN-Bericht eine Regelung vor, die dem schwedischen Modell zur Prostitution ähnelt. Bestraft werden sollen nicht die Frauen selbst, die die Leihmutterschaft anbieten. Sondern diejenigen, die dafür zahlen oder mit der Leihmutterschaft Geschäfte machen.