Hautkrebsvorsorge vor dem Aus? Das steckt hinter den Sparplänen der Regierung
Seit 2008 gibt es in Deutschland das flächendeckende Angebot, sich auf Hautkrebs untersuchen zu lassen. Genau dieses Angebot steht nun auf der Streichliste von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). An diesem Mittwoch soll das Bundeskabinett darüber abstimmen, inwieweit das Hautkrebs-Screening ausgesetzt werden soll.
Die wichtigsten Fragen zu den Änderungen beim Hautkrebs-Screening
Was umfasst das Hautkrebs-Screening zurzeit?
Das Hautkrebs-Screening dient dazu, Krebserkrankungen frühzeitig zu erkennen. Es handelt sich um eine schmerzlose Ganzkörperuntersuchung, bei der eine geschulte Ärztin oder ein Arzt die gesamte Haut auf verdächtige Stellen und Veränderungen kontrolliert. In der Regel dauert die Untersuchung nicht länger als 15 Minuten.
Aktuell haben alle gesetzlich Versicherten ab 35 Jahren die Möglichkeit, alle zwei Jahre am Hautkrebs-Screening teilzunehmen. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Wer privat versichert ist, sollte sich vorab bei seiner Krankenversicherung informieren, ob diese die Kosten für die Untersuchung übernimmt.
Einige Krankenkassen bieten das Hautkrebs-Screening auch schon für Patientinnen und Patienten unter 35 Jahren an. „Wer also noch unter 35 Jahren ist, aber an einem regelmäßigen Hautkrebsscreening interessiert ist, sollte bei der eigenen Krankenkasse danach fragen“, heißt es auf der Internetseite des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums.
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Zur vollständigen AnsichtWie verbreitet ist Hautkrebs?
Laut der Deutschen Krebshilfe erkranken jedes Jahr mehr als 370.000 Menschen in Deutschland an Hautkrebs. Diese Krebsart ist damit eine der häufigsten Krebserkrankungen. Besonders verbreitet ist heller oder weißer Hautkrebs, der jedoch selten Metastasen – also Tochtergeschwülste – bildet und damit weniger bedrohlich ist als der schwarze Hautkrebs (malignes Melanom).
Hauptrisikofaktor für Hautkrebs ist übermäßige UV-Strahlung. Die Strahlung, die zur Bildung von Vitamin D beiträgt, kann in hohen Dosen das Erbgut von Hautzellen schädigen und so Krebs begünstigen. Ein erhöhtes Hautkrebsrisiko haben auch Menschen mit heller Haut, rötlichen oder blonden Haaren; alle, die zu Sommersprossen neigen und leicht einen Sonnenbrand bekommen; genauso wie all jene, die in ihrer Familie schon einmal jemanden mit schwarzem Hautkrebs hatten. Sonnenbrände in der Kindheit und Jugend können zudem das Hautkrebsrisiko um das Zwei- bis Dreifache erhöhen.
Warum steht das Hautkrebs-Screening vor dem Aus?
Der Vorschlag, das Hautkrebs-Screening einzuschränken, stammt von der „Finanzkommission Gesundheit“. Sie wurde von der Bundesregierung damit beauftragt, nach Einsparmöglichkeiten in der gesetzlichen Krankenversicherung zu suchen. Nach Einschätzung der Expertenkommission gibt es keine Belege dafür, dass die Früherkennungsuntersuchung die Zahl der Menschen, die an Hautkrebs sterben, senkt.
Das unterstreichen Daten des Statistischen Bundesamts: Demnach haben Hautkrebsbehandlungen in deutschen Kliniken in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen. Auch die Zahl der Todesfälle ist von 2003 zu 2023 um 60,8 Prozent gestiegen.
„Deutschland ist das einzige Land, das sich das leistet, nicht einmal Australien macht das“, sagte Ferdinand Gerlach, Vizechef der Finanzkommission, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Blick auf das Hautkrebs-Screening. „Die jetzigen Screenings beschäftigen rechnerisch 600 bis 900 Haut- und Hausärzte in Vollzeit und haben keinen relevanten Effekt.“ Einsparen ließen sich 240 Millionen Euro pro Jahr.
Krebs – einfach positiv denken⁉
„Du musst nur positiv denken“: Nicht selten hören Krebserkrankte solche gut gemeinten Ratschläge aus ihrem Umfeld. Optimismus kann zwar Krebs nicht heilen, aber die Lebensqualität verbessern. Es darf nur nicht ein „Optimismus-Zwang“ entstehen.
Wie soll es mit dem Hautkrebs-Screening weitergehen?
Die Finanzkommission will das Screening nicht abschaffen, sondern auf Risikopersonen beschränken. Ein Vorschlag, der seit Jahren von Fachleuten wegen der uneindeutigen wissenschaftlichen Studiendaten zur Wirksamkeit des Hautkrebs-Screenings diskutiert wird. Die Kommission schlägt vor, dass der Gemeinsame Bundesausschuss innerhalb von zwei Jahren prüfen und definieren soll, welche Personengruppen vom Hautkrebs-Screening profitieren und ob dazu neue technische Untersuchungen genutzt werden könnten. Denkbar wären etwa „KI-basierte Ganzkörperscanner und Lasermikroskopie“.
Wie werden diese Vorschläge diskutiert?
Kritik an den Sparplänen kommt vonseiten des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen. „Wer angesichts der stark gestiegenen Hautkrebsinzidenzen das gesetzliche Hautkrebs-Screening aussetzen will, spart am falschen Ende“, sagte Verbandspräsident Ralph von Kiedrowski. „Die Folgekosten zu späteren Diagnosen werden erheblich sein.“ Das anlasslose Screening helfe dabei, viele Formen von Hautkrebs früher zu erkennen und folglich besser zu behandeln. Außerdem biete die Untersuchung die Möglichkeit, Menschen „über den richtigen Umgang mit UV-Belastung aufzuklären“.
Eine Petition auf der Plattform „campact“, die zur Rettung der Hautkrebsvorsorge aufruft, hat inzwischen mehr als 510.000 Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden. Die Sparmaßnahmen kritisierte auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Gegenüber der „Bild am Sonntag“ sagte sie, es sei „völlig falsch“, das Screening in seiner jetzigen Form zu streichen. „Bei der Bekämpfung von Krebs ist die Früherkennung entscheidend. Wir müssen Krebs bekämpfen. Die Zahlen für Hautkrebs sind alarmierend. Wir müssen Prävention stärken und nicht schwächen.“
Auch die Finanzkommission selbst räumt ein, dass die Änderungen beim Hautkrebs-Screening negative Folgen haben könnten. So sei eine „Verunsicherung der Bevölkerung“ nicht ausgeschlossen, genauso wie „eine sinkende Sensibilisierung für die von Hautkrebs ausgehende Gefahr“.
In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, dass gesetzlich Versicherte zweimal im Jahr Anspruch auf das Hautkrebs-Screening hätten. Richtig ist alle zwei Jahre. Wir haben das korrigiert.